Der folgende Text entstammt der NRW-Nachhaltigkeitsstrategie von Juni 2016. Die Landesregierung plant, diese Strategie im Jahr 2018 weiterzuentwickeln.

Demografischer Wandel und altengerechte Quartiere

Die Teilhabe und Selbstbestimmung älterer Menschen in der Mitte unserer Gesellschaft soll sichergestellt werden. Der Anteil alter Menschen, die in betreuten Wohngemeinschaften wohnen oder von ambulanten Diensten versorgt werden, soll gesteigert werden. Gefördert werden auch lokale Konzepte zur altersgerechten Quartiersentwicklung.

Vater mit Kind

Demografische Veränderungen stellen massive Herausforderungen für unsere Gesellschaft dar – bereits jetzt und zukünftig in noch steigendem Maße. Bedingt durch Zuwanderung wird die Bevölkerungszahl in NRW nach der Bevölkerungsvorausberechnung von April 2015 bis zum Jahr 2030 leicht steigen, von

17,6 Mio. (2014) auf 17,7 Mio. (2030). Danach nimmt die Bevölkerungszahl voraussichtlich ab, auf prognostiziert 17,1 Mio. in 2050 und 16,5 Mio. in 2060. Dabei weist unser Bundesland starke regionale und lokale Unterschiede auf: Starken Zuwachsregionen (z. B. an der Rheinschiene) stehen Abwanderungsgebiete in anderen Landesteilen gegenüber (z. B. Sauerland, östliches Ostwest-

falen, Emscher-Lippe-Region). Zum Teil wird prognostiziert, dass in einigen Regionen des Landes Zu- und Abwanderungsgebiete sehr dicht beieinanderliegen (z. B. im Bergischen Städtedreieck und im Ruhrgebiet).

Der gesamtgesellschaftliche Alterungsprozess wird sich dabei nach der aktuellen Prognose im Trend der letzten Jahre weiter fortsetzen. Dies führt zu einer Zunahme der Zahl älterer und hochaltriger Menschen in der Gesellschaft und führt zu Herausforderungen für junge wie alte Menschen. Da die Menschen länger leben, was grundsätzlich zu begrüßen ist, steigen als Folge auch die Unterstützungs- und Pflegeleistungen, die erbracht und finanziert werden müssen.

Zum gesellschaftlichen Gesamtbild gehört darüber hinaus, dass noch nie so viele Menschen im Wohlstand gelebt haben und so gesund sind wie jetzt und in naher Zukunft, dass sich das Älterwerden und das Altsein im Vergleich zu vorhergehenden Jahrzehnten verändert hat und noch weiter verändern wird, dass viele ältere Menschen heute und künftig fit und engagiert bis ins hohe Alter sind und sein werden. Die sog. nachberufliche Phase beschreibt inzwischen nicht selten einen Lebensabschnitt, der viele Jahre einnimmt. Ihn gilt es individuell sinnvoll und sozial teilhabeorientiert zu gestalten.

Im Jahr 2030 werden 1,3 Mio. und im Jahr 2050 2,1 Mio. Menschen in unserem Land über 80 Jahre alt sein und damit ein Alter erreicht haben, in dem biologisch bedingt die körperlichen und kognitiven Fähigkeiten nachlassen. Aufgrund dieser steigenden Lebenserwartung sowie dem Eintritt der „geburtenstarken Jahrgänge“ in die nachberufliche Phase kommt es zu einer deutlichen Verschiebung der Zahlenverhältnisse zwischen älteren und jüngeren Menschen.

Zwei Entwicklungen bedürfen dabei besonderer Aufmerksamkeit:

Die Alterung der Gesellschaft hat Auswirkungen auf die Zahl der Pflegebedürftigen und Personen mit Unterstützungsbedarf. Lebten in NRW im Jahr 2013 etwa 581.500 pflegebedürftige Menschen im Sinne des SGB XI, so werden für das Jahr 2030 ca. 700.000 Menschen mit Pflegebedarf prognostiziert (+ 20,4 %) und bis zum Jahr 2050 etwa 920.000 (das entspricht einer Steigerung von 58 % gegenüber 2013). Etwa 300.000 Personen sind schon jetzt aufgrund von Demenzerkrankungen täglich auf Hilfe angewiesen. Hier wird eine Verdoppelung bis 2050 erwartet. Es ist dabei anzumerken, dass die Prognosen auf einem „Status-quo-Szenario“ beruhen. Durch die umfassende Neudefinition des Pflegebedürftigkeitsbegriffs des SGB XI durch das Zweite Pflegestärkungsgesetz werden zukünftig proportional mehr Menschen Leistungen der Pflegeversicherung erhalten.

Auch im Bereich der professionellen Pflege zeichnen sich gravierende Entwicklungen ab. Schon 2014 fehlten in NRW etwa 4.200 Vollzeitstellen für die Pflegeberufe. Bis 2030 steigt entsprechend der prognostischen Berechnung der Gesamtbedarf auf ca. 266.000 Vollzeitäquivalente im Vergleich zu insgesamt rund 209.000 Pflegebeschäftigten/Vollzeitäquivalenten in 2013. Wir wissen aus Befragungen (z. B. TNS Emnid 2011), dass zwei Drittel der Menschen auch im Alter ein eigenständiges Leben in ihrer Wohnung oder ihrem Haus bevorzugen. 57 % der Befragten würden dabei jedoch nicht auf ein zusätzliches Hilfsangebot verzichten wollen. Bei gleichzeitigem langfristigem Rückgang der Bevölkerung (was voraussichtlich Auswirkungen auf die Zahl der Erwerbspersonen haben wird) und dem sich verschärfenden Pflegefachkraftmangel ist unstreitig, dass die jetzt existierenden und schon heute als unzureichend empfundenen Strukturen nicht tragfähig sein werden.

Ein einfaches „Weiter so!“ ist ausgeschlossen, wenn auch in Zukunft ein selbstbestimmtes Leben mit größtmöglicher Versorgungssicherheit gewährleistet werden soll.

Bei der Entwicklung von Lösungsansätzen ist zu berücksichtigen, dass die Orte, Dörfer, Stadtteile und Quartiere, in denen die Menschen leben, in NRW sehr unterschied-lich aussehen. Entsprechend unterschiedlich müssen auch die Konzepte aussehen, die den Menschen den mehrheitlich gewünschten, möglichst langen Verbleib in der eigenen Häuslichkeit ermöglichen – und zwar auch bei Unterstützungs- und Pflegebedarf und unabhängig davon, ob sie allein oder in Gemeinschaft leben, unabhängig auch vom jeweiligen Einkommen oder dem Wohnort.

Um die richtige Richtung und das richtige Maß zu kennen, müssen die Menschen eingebunden und bei der Entwicklung von Lösungsansätzen beteiligt und mitgenommen werden. Wir müssen den Menschen zuhören, ihre Bedürfnisse erfragen und dahin schauen, wo sie ihren Lebensmittelpunkt haben und wo sich die Problemstellungen unmittelbar zeigen: dem persönlich-räumlichen Bezugsrahmen, in dem sie ihre sozialen Kontakte pflegen und ihr tägliches Leben gestalten, also dem Ort, den Menschen als „ihr Quartier“ empfinden, sei es in der Stadt oder im ländlichen Raum.

Was wir brauchen, ist ein selbstverständlicher, auf Nachhaltigkeit und soziale Inklusion orientierter gesellschaftlicher Diskurs, der sich den skizzierten Entwicklungen stellt und in eine neue gesellschaftliche Haltung und Praxis mündet.

Alle öffentlichen und privaten Akteure sind gefordert, auf diese fundamentalen Herausforderungen passende Antworten zu geben, um den generationenübergreifenden Zusammenhalt in unserem Land zu sichern: die Bundes-, Landes- und kommunale Ebene, die Professionen sowie die Zivilgesellschaft.

Großmutter mit Enkelkind

Wichtige Wechselwirkungen zu anderen Handlungsfeldern

Wechselwirkungen bestehen zum einen insbesondere zum Schwerpunktthema nachhaltige Stadt- und Quartiersentwicklung, das ebenfalls auf die sozialen Belange einer zukunftsgesicherten und auf generationengerechte Entwicklung von Städten und Quartieren orientiert ist. Demografischer Wandel und Alterung stellen zum anderen auch eine Herausforderung für den sozialen Zusammenhalt in einer Gesellschaft dar (vgl. hierzu den Schwerpunkt: „NRW hält zusammen … für ein Leben ohne Armut und

Ausgrenzung“). Die Organisation und der Prozess für die Sicherung des sozialen Zusammenhaltes werden nur durch eine entsprechende Motivation des bürgerschaftlichen Engagements erreicht werden können. Nachhaltige, generations- und altengerechte Quartiere können einen Beitrag leisten auch positive Impulse für die Querschnittsthemen Geschlechtergerechtigkeit, Integration, Vielfalt und Inklusion zu setzen. Darüber hinaus gibt es Wechselwirkungen mit den allgemeinen Daseinsvorsorgeinfrastrukturen, der Ausrichtung und Finanzierung der Sozialversicherungssysteme sowie der wirschafts- und beschäftigungspolitischen Gestaltung des demografischen Wandels.

Mittelfristige Ziele

 

a. Aktive Teilhabe, Selbstbestimmung und ein selbstwirksames Leben aller Menschen in der Mitte unserer Gesellschaft sicherzustellen

Damit sollen auch einer gerade im Alter oftmals befürchteten und viel zu oft real zu beobachtenden Isolierung und Vereinsamung entgegen getreten werden. Es sollen Rahmenbedingungen geschaffen und wirksam umgesetzt werden, die eine eigenständige Lebensführung für alle Menschen zu jeder Zeit ermöglichen.

Angestrebt wird eine Steigerung des Anteils der pflegebedürftigen Menschen, die durch ambulante Dienste und als Bewohnerinnen und Bewohner von Wohngemeinschaften versorgt werden und so möglichst lange selbstbestimmt in der eigentlichen Häuslichkeit oder zumindest im vertrauten sozialen Umfeld leben können.

Zudem soll die Zahl der kommunalen Seniorenvertretungen gesteigert werden.

Als Hintergrundindikator wird die Zahl der Pflegebedürftigen und der Beschäftigten in Pflegeberufen dargestellt.

b. Förderung lokaler Konzepte zur altengerechten Quartiersentwicklung

Als Indikatoren werden verwandt:

  • die Zahl der durchgeführten Beratungen des Landesbüros altengerechte Quartiere.NRW und des Landesbüros innovative Wohnformen.NRW, und
  • die Inanspruchnahme der Fördermittel im Rahmen des jeweils gültigen Landesförderplan Alter und Pflege.

Maßnahmen/Instrumente/Finanzen

Reform des Landesalten und -pflegerechts: Alten- und Pflegegesetzes Nordrhein-Westfalen (APG NRW) und Wohn- und Teilhabegesetz (WTG NRW)

Mit der Reform des Landesalten- und -pflegerechts wurden entscheidende Weichen für eine nachhaltigere Politik in diesem Bereich gestellt. Mit der Einbeziehung der pflegenden Angehörigen, der Ausweitung der kommunalen Verantwortung für die Pflegeinfrastruktur, zu der auch ergänzende ambulante Hilfen gehören, und der Stärkung alternativer Wohnformen werden die Voraussetzungen für einen längeren Verbleib in der eigenen Häuslichkeit bzw. dem gewohntem Umfeld und damit mehr Selbstbestimmung und Teilhabe geschaffen. Die Ausdifferenzierung nach Angebotsformen im WTG mit Einbeziehung weiterer Wohn- und Betreuungsformen stärkt die staatliche Verantwortung für mehr Qualität.

 

Masterplan altengerechte Quartiere.NRW mit seinen derzeit vier Handlungsfeldern:

 

Sich versorgen.

In diesem Handlungsfeld geht es um die wohnungs-, haushalts- und personenbezogene Versorgungssicherheit als Voraussetzung für ein selbstständiges und selbstbestimmtes Leben. Dahinter steht die Grundidee, dass in einem altengerechten Quartier besonders für Menschen, deren Aktionsradius alters-, krankheits- oder behinderungsbedingt immer kleiner wird, möglichst viele Angebote im Quartier selbst vorhanden (mindestens erreichbar) sind und wahrgenommen werden können. Hier sind neue Konzepte und Ideen gefragt.

Wohnen.

Ziel einer altengerechten Quartiersentwicklung ist es, älteren Menschen durch bauliche Maßnahmen den Verbleib in ihrer eigenen Häuslichkeit zu ermöglichen oder zumindest passgenauen "Ersatz" wie z. B. Wohn- und Hausgemeinschaften in der Nachbarschaft anzubieten. Dabei ist das Wohnumfeld etwa hinsichtlich seiner Barrierefreiheit oder unter Sicherheits-, unter bewegungsanimierenden und kommunikationsfördernden Aspekten ebenfalls in den Blick zu nehmen. Ziel muss es sein, eine tatsächliche Wahlmöglichkeit zwischen den unterschiedlichen Wohnformen im Alter zu realisieren.

Gemeinschaft erleben.

Unsere Gesellschaft ist in stetigem Wandel. Familienstrukturen brechen weg oder verändern sich z. B. aufgrund der gestiegenen Arbeitsplatzmobilität der Menschen, mehr Menschen wohnen allein. Die demographischen Veränderungen werden diese Entwicklung eher verstärken. Deswegen kommt persönlichen Netzwerken, wie bspw. dem Freundes- und Bekanntenkreis oder der Nachbarschaft eine zunehmende Bedeutung zu. Diese gilt es durch niedrigschwellige und wohnortnahe Angebote zu fördern. Der Generationen übergreifende Kontakt ist für alle bereichernd. Wir brauchen Räume der Begegnung, die auch Orte politischer Partizipations- sowie von Bildungs-, Kultur- und Sportangeboten sein können.

Sich einbringen.

Immer mehr Menschen suchen in der sog. nachberuflichen Phase und im Alter nach sinnvollen und nicht selten gemeinwesenorientierten Aufgaben. Sie wollen Gemeinschaft erleben und sich in die Gesellschaft mit ihren Erfahrungen und ihrem Tun einbringen. Dieses Potenzial gilt es stärker als bisher zu nutzen. Eine Quartiersentwicklung, die auf Pflegeverhinderung und den möglichst langen Erhalt der Selbstständigkeit und Selbstbestimmtheit der Menschen zielt, hat neben präventiven Maßnahmen die Förderung eigener Kompetenzen und der Eigeninitiative der Menschen im Blick.

Landesförderplan Alter und Pflege

Gemäß § 19 des APG NRW in der Fassung vom 2.10.2014 erstellt das zuständige Ministerium für jede Legislaturperiode einen Landesförderplan, in dem die Maßnahmen der Landesregierung zur Sicherstellung einer leistungsfähigen und nachhaltigen Unterstützungsstruktur für ältere Menschen und pflegebedürftige Menschen sowie deren Angehörige durch die Förderung der Entstehung, Entwicklung und Qualität von Dienstleistungen, Beratungsangeboten, Pflegeeinrichtungen und alternativen Wohnformen gebündelt und planmäßig aufbereitet werden. Das jährliche Fördervolumen beträgt 8,0 Mio. €. In 2015 erfolgte eine Erprobung durch den „Vorläufigen Landesförderplan Alter und Pflege“; 2016 soll der Landesförderplan in den Echtbetrieb überführt werden. Der Landesförderplan Alter und Pflege wird für die Dauer einer Legislaturperiode erstellt. Das jährliche Fördervolumen beträgt ab 2016 9,1 Mio. €. Im Dezember 2015 ist der Landesförderplan Alter und Pflege 2016/2017 bekannt gegeben worden.

Landesaltenbericht

Die Landesregierung hat am 20.3.2012 den Aufbau und die Einführung einer kontinuierlichen Berichterstattung über die Lage und Entwicklung der älteren Generation in Nordrhein-Westfalen unter Federführung des Ministeriums für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen (MGEPA) in Auftrag gegeben. Im § 20 APG NRW ist die Altenbericht erstattung des Landes als Regelauftrag verankert. Sie dient auch als Planungsgrundlage für den in § 19 APG NRW geregelten Landesförderplan. Die Altenbericht erstattung ist prozessorientiert angelegt und wird einmal in der Legislaturperiode mit einem Gesamtbericht zur Lage der älteren Menschen in NRW unter dem Titel „Alt werden in Nordrhein-Westfalen“ in die öffentliche altenpolitische Diskussion eingebracht. Die Veröffentlichung des ersten Landesaltenberichts ist für das zweite Quartal 2016 vorgesehen.

 

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