Politik und Verwaltung

Bonn: Hier wird nachhaltige Entwicklung aktiv gelebt

Bonn ist die UN-Nachhaltigkeitsstadt. Gerade erst fand dort das dritte „SDG Global Festival of Action“ der Vereinten Nationen satt. Mehr als 1.500 Menschen aus über 150 Ländern strömten deswegen in die Bundesstadt. Zu den besonderen kommunalpolitischen Herausforderungen eines international bekannten Nachhaltigkeitsstandortes befragten wir den Bonner Oberbürgermeister Ashok-Alexander Sridharan. Unter anderem erläuterte er die erste Bonner Nachhaltigkeitsstrategie und das Engagement seiner Kommune als Standort des Programms „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE).

Ashok-Alexander Sridharan, Oberbürgermeister der Stadt Bonn © Regina Spitz/Bundesstadt Bonn
Ashok-Alexander Sridharan, Oberbürgermeister der Stadt Bonn © Regina Spitz/Bundesstadt Bonn

 

Anfang Mai fand das dritte „SDG Global Festival of Action“ der UN mit mehr als 1.500 Teilnehmenden in Bonn statt. Wie haben Sie es erlebt?

Aufgrund paralleler Termine konnte ich dieses Mal nicht selbst im World Conference Center Bonn sein, habe aber selbstverständlich alles über die sozialen Medien und teilweise auch per Webcast verfolgen können. 

Zunächst einmal freue ich mich über den neuen Rekord an Teilnehmenden von rund 1.500 Menschen aus aller Welt. Es war ein junges Festival, ein inklusives Festival, eine breite Vielfalt von Wissen, Kompetenzen, Erfahrungen und Meinungen – und nach Einschätzung der anwesenden städtischen Mitarbeitenden ein Ort der Inspiration und neuer Vernetzung. 

Ich möchte mich an dieser Stelle auch noch einmal bei Marina Ponti, der Leiterin der UN SDG-Action Campaign, und ihrem Team dafür bedanken, dass sie dieses wunderbare Format für die SDGs in Bonn etabliert haben. Gemeinsam haben wir es dieses Jahr auf einzigartige Weise mit unserer Stadt und unserem Kulturleben verknüpft. In einer bunten Parade zogen die Konferenzteilnehmenden mit den SDG-Fahnen Anfang Mai ins Festgelände von „Rhein in Flammen“ ein und feierten mit. Der musikalische Direktor des Global Festival, Jeremy Goddard, überbrachte mit seiner Band eine mitreißende musikalische SDG-Grußbotschaft auf der Hauptbühne. Unser rheinisches Traditionsfest wurde so durch die 17 Ziele und internationales Flair  bereichert. Die SDGs waren während des gesamten Programms von „Rhein in Flammen“ dabei: durchgehend mit Videos in den Umbaupausen und dem Infotruck von Engagement Global und der Stadt Bonn am Rosengarten. Und ich durfte gemeinsam mit den Bläck Fööss unsere Festivalgäste aufrufen, mitzumachen bei der Reise in eine bessere Zukunft mit den 17 Zielen.

Außerdem haben der Deutsche Städtetag und die Servicestelle Kommunen in der Einen Welt die Synergien des Global Festivals genutzt. Sie haben zeitgleich und erfolgreich Vertreterinnen und Vertreter von 110 deutschen Städten, die sich ausdrücklich zur Agenda 2030 bekennen, zum jährlichen Vernetzungstreffen hier nach Bonn eingeladen, so dass unsere Stadt geballt im Zeichen der 17 Ziele stand.

Bonn ist mittlerweile international bekannt als Sitz unterschiedlicher  UN- und zivilgesellschaftlicher Organisationen, die weltweit für nachhaltige Entwicklung aktiv sind. Erwächst aus dieser Standortbesonderheit eine besondere lokale Verantwortung?

Auf jeden Fall! Wir sehen diese Verantwortung nicht nur in der eigenen Arbeit, sondern auch darin, all diesen wichtigen Akteuren einen optimalen Rahmen zu bieten und ihre Vernetzung zu fördern. Gerade stoßen wir dazu mit der NDC-Partnerschaft (der globalen Partnerschaft für die Umsetzung des Pariser Klimaabkommens durch nationale Klimaziele) gemeinsam einen Dialog zwischen Organisationen aus Klimaschutz und Entwicklung an.

Seit langem betreibt Bonn kommunale Projektpartnerschaften im globalen Süden mit Schwerpunkten Klimaschutz, Klimaanpassung, Biodiversität und Bildung. Und in Bonn selbst haben wir den Anstoß gegeben zur Gründung des Bonner Netzwerks für Entwicklung – ein sehr lebendiges Netzwerk von zivilgesellschaftlichen Organisationen, Vereinen und kleinen Initiativen. 

Im Februar hat der Rat der Stadt die erste Nachhaltigkeitsstrategie für Bonn verabschiedet. Viele Ziele der Nachhaltigkeitsstrategie klingen zunächst recht abstrakt. An welchen Stellen werden die Bonnerinnen und Bonner die Umsetzung der Strategie ganz praktisch erleben können? 

Sie erleben es bereits jetzt, und es wird noch mehr werden. In allen Bereichen der Nachhaltigkeitsstrategie arbeiten wir bereits konkret und auch merkbar. Als Beispiel greife ich  zunächst das Themenfeld Mobilität heraus. 

Es ist der Ausbau des ÖPNV durch neue Verknüpfungspunkte und –linien vorgesehen. Der Radverkehr soll unter anderem durch die Einrichtung von Mobilstationen, das Schließen von Lücken im Fahrradroutennetz oder den Ausbau von Radschnellwegen gestärkt werden. Zur Warenlieferung in der Innenstadt soll eine Infrastruktur aufgebaut werden, die den Einsatz von E-Lastenrädern und E-Nutzfahrzeugen vorsieht.

Und, über die Maßnahmenkataloge der Nachhaltigkeitsstrategie hinausgehend: Vielleicht haben Sie ja auch schon die neue Park-App genutzt, die wir gemeinsam mit der Telekom entwickelten? Sie vermeidet unnötige „Kurverei“ bei der Parkplatzsuche und vereinfacht auch die Bezahlung des gefundenen Parkplatzes. Eventuell haben Sie auch eines der 365-Tage-Umsteigertickets für den Nahverkehr gekauft oder ein Fahrrad im Sharingsystem Nextbike genutzt?

Ganz konkret wird es auch im Umweltschutz mit unserem Beitritt zum Netzwerk der Bio-Städte. Wer sich die Speisepläne unserer Kindergärten und Schulen ansieht, wird feststellen, dass es nach und nach mehr Bio-Produkte geben wird. Das Gleiche gilt für die städtischen Seniorenzentren. 

Insgesamt ist der Bogen in der Strategie weit gespannt: Dazu gehören auch der Ausbau der Biodiversitätsstrategie der Stadt, die energetische Sanierung im Bestand, der Ausbau erneuerbarer Energien, die verstärkte Förderung von Mischbautypen bei Neubauvorhaben oder Aktionstage zur familienbewussten Personalpolitik. Auch die Bildung eines neuen Netzwerkes „Nachhaltigkeit“ mit 200 bis 300 Unternehmen und die Stärkung der Bürgerbeteiligung sind Bestandteile der Strategie.

In der Nachhaltigkeitsstrategie finden sich viele einzelne Maßnahmen, deren Einführung erhebliche Investitionen erfordern. Zu nennen wären die Schließung von Lücken in der Radwegeinfrastruktur oder der Ausbau des ÖPNV. Ihre Stadt befindet sich in der Haushaltssicherung. Wie verhindern Sie, dass Maßnahmen zur Förderung der Nachhaltigkeit unter Finanzierungsvorbehalt geraten?

Viele Maßnahmen in einer Kommune, die sich in der Haushaltssicherung befindet, stehen zunächst unter Finanzierungsvorbehalt. Wir versuchen aber über die wirtschaftliche Dimension der Nachhaltigkeitsstrategie auch die langfristigen Vorteile von Investitionen in die Zukunft aufzuzeigen und darüber Akzeptanz für politische Entscheidungen zu schaffen. Zusätzlich nutzen wir Förderprogramme, um Investitionen in nachhaltige Mobilitätsinfrastrukturen zu leiten oder in Kooperation mit wissenschaftlichen Einrichtungen Instrumente zur Anpassung an den Klimawandel zu entwickeln.

Die Nachhaltigkeitsstrategie führt laufende und künftige Programme in einer systematischen Agenda zusammen. Viele der Aufgaben stellen eine qualitative Aufwertung von Pflichtaufgaben dar, die aber im Ergebnis große Wirkung entfalten können. Für andere Maßnahmen bewerben wir uns um Fördermittel. Aber auch die kommunalen Unternehmen, wie zum Beispiel die Stadtwerke Bonn, leisten bedeutende Beiträge, um Nachhaltigkeit in unserer Stadt weiter voranzubringen.

Bonn ist vom Bundesbildungsministerium erneut als herausragender Standort für Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) ausgezeichnet worden. Die Jury würdigte, dass Bonn „globale Nachhaltigkeitsthemen den Bürgerinnen und Bürgern, aber auch den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Verwaltung, näher“ bringe. Wie sieht ihr BNE-Engagement konkret aus?

Dank des Koordinatorenprogramms  für kommunale Entwicklungszusammenarbeit der Servicestelle Kommunen in der Einen Welt hat Bonn seit Ende 2017 eine SDG-Koordinatorin an Bord, die die 17 Ziele in Bonn präsenter macht und ihre Umsetzung fördert. Damit wird die in Bonn schon fest etablierte BNE-Arbeit durch Vortragsreihen, Veranstaltungen und den Bonner Tag der Vereinten Nationen noch einmal strukturell gestärkt. Als Bundesstadt Bonn haben wir ein neues Format etabliert, unsere Bonner SDG-Tage. 

Rund um den Tag der Umwelt am 5. Juni und die deutschen Aktionstage Nachhaltigkeit finden in diesem Jahr von Anfang Mai bis Ende Juni 17 Events  zu den 17 Zielen statt. Unser diesjähriges Highlight ist die „Weltbaustelle Bonn“.  Dabei werden ein Künstler aus Bonn und ein bolivianischer Künstler eine Hauswand zum Thema Agenda 2030 gestalten, um so die 17 Ziele weiter in der Stadt zu verankern. Und bei vielen großen Veranstaltungen in Bonn wie dem Tag der Artenvielfalt am 26. Mai und dem Museumsmeilenfest am 1. und 2. Juni wird unser Infostand mit dem beliebten SDG-Glücksrad dabei sein. 

Last not least haben wir für die eigene Verwaltung die neue Fortbildungsreihe „Wir und die 17 Ziele“ aufgelegt, bei der Kolleginnen und Kollegen ihre Beiträge zu unserer ersten Nachhaltigkeitsstrategie untereinander präsentieren und diskutieren. 

Sie sind Präsident des internationalen Städtenetzwerks „ICLEI – Local Governments for Sustainability“. Wo stehen die deutschen Kommunen im internationalen Vergleich?

Als ICLEI Präsident habe ich großartiges Engagement gesehen. Und das kam oft gerade aus dem globalen Süden und aus materiell schlecht gestellten Kommunen. Deshalb bin ich bescheiden und siedle uns im oberen Drittel an. Es gibt aber ein paar erfreuliche Spitzen, in denen deutsche Kommunen richtig gut sind, auch dank der vernetzenden Unterstützung von Engagement Global und natürlich der guten Zusammenarbeit in unserem föderalen System mit der Länder- und Bundesebene.

Unsere deutschen Kommunen und ihre Netzwerke – wie zum Beispiel die „2030 Kommunen“ – sind auch in einer Vorreiterrolle, was die Messbarkeit zu den 17 Zielen anbelangt. Der Deutsche Städtetag und die Bertelsmann-Stiftung entwickelten ein Indikatoren-Set und ein sehr nutzerfreundliches Portal (www.sdg-portal.de), das auch auf Englisch verfügbar ist. Das SDG-Portal platzierte sich übrigens unter den ersten 21 bei den diesjährigen SDG-Awards. Insgesamt waren 2000 Einsendungen eingegangen.

Nachhaltigkeit spielt nicht nur bei der UN oder in den Kommunen eine strategische Rolle: Derzeit wird die NRW-Nachhaltigkeitsstrategie weiterentwickelt, die Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie wird im kommenden Jahr überarbeitet und auch die Europäische Kommission wird sich dem Thema noch stärker annehmen (müssen). Welche Rolle spielen diese strategischen Rahmenbedingungen für Sie in der Bundesstadt Bonn?

Dies spielt natürlich eine große Rolle für uns. Alle politischen Ebenen müssen sich mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinandersetzen. Die deutsche und die nordrhein-westfälische Nachhaltigkeitsstrategie haben den Rahmen für unsere eigene strategische Umsetzung definiert. Dies zusammen mit unserer  langjährigen  Nachhaltigkeitsberichterstattung haben wir zur Grundlage unserer strategischen Überlegungen gemacht und daraus in einem zweijährigen, partizipativen Prozess  eine eigene Bonner Nachhaltigkeitsstrategie entwickelt. Dabei hat uns die Unterstützung der Servicestelle Kommunen in der Einen Welt von Engagement Global und der LAG 21 NRW im Rahmen des Projektes Global Nachhaltige Kommune sehr geholfen.

Es freut mich persönlich sehr, dass das Thema auch auf Europäischer Ebene stärker in den Blickpunkt rückt. Ich arbeite als ICLEI-Präsident seit Jahren eng mit dem Ausschuss der Regionen und seinem Präsidenten Karl-Heinz Lambertz zusammen und ich habe gerade erst einen offenen Brief der Städtenetzwerke an den EU-Rat und die Staats- und Regierungschefs der EU mitgezeichnet, in dem wir eine rasche Umsetzung des Pariser Klimaabkommens und Strategien für Null-Emissionen bis 2050 fordern.

Die kommende Europawahl wird die Weichen dafür stellen, wie sich Europa für Nachhaltigkeit positioniert. Die Welt braucht ein starkes Europa mit dem Willen zu großer Veränderung und dem Mut zu Entscheidungen für unser aller bessere Zukunft.

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