Politik und Verwaltung

Interview mit Frau Simone Raskob, Projektleiterin der Grünen Hauptstadt

„Erlebe dein grünes Wunder“ – unter diesem Motto präsentierte sich die Ruhrgebiets-Metropole Essen als Grüne Hauptstadt Europas 2017. Insgesamt wurden 453 Projekte, 56 Tagungen und Konferenzen sowie 210 Bürgerprojekte im Titeljahr realisiert. Zu den Veranstaltungen kamen insgesamt rund 200.000 Besucherinnen und Besucher. Neben den vielen Veranstaltungshighlights wurde das Grüne Hauptstadtjahr auch intensiv dafür genutzt, die ambitionierten fachlichen Ziele der Bewerbung zu erreichen. Einen Rückblick auf das Hauptstadtjahr gab uns Frau Simone Raskob, Umwelt-, Bau- und Sportdezernentin der Stadt Essen und Projektleiterin der Grünen Hauptstadt im Interview.

 

Simone Raskob, Umwelt-, Bau- und Sportdezernentin und Projektleiterin der Grünen Hauptstadt mit Ralph Kindel, Projektteamleiter der Grünen Hauptstadt Europas - Essen 2017, Oberbürgermeister Thomas Kufen und Matthias Sinn, Projektteamleiter der Grünen Hauptstadt und Leiter des Umweltamtes

Ralph Kindel, Projektteamleiter der Grünen Hauptstadt Europas - Essen 2017, Simone Raskob, Umwelt-, Bau- und Sportdezernentin und Projektleiterin der Grünen Hauptstadt, Oberbürgermeister Thomas Kufen und Matthias Sinn, Projektteamleiter der Grünen Hauptstadt und Leiter des Umweltamtes, zogen eine positive Bilanz.

Was war Ihr persönliches Highlight der GHE Essen?

Zunächst ist es natürlich schwer, bei einer so großen Anzahl an hervorragenden Projekten ein einzelnes hervorzuheben oder als Highlight zu bezeichnen. Wir haben als Grüne Hauptstadt Europas über das ganze Jahr insgesamt 453 Projekte – davon 187 Eigenprojekte, 56 Tagungen/Kongresse und 210 Bürgerprojekte – realisiert. Ganz persönlich werde ich mich sicher noch in einigen Jahren an die Eröffnung der Badestelle an der Ruhr erinnern. Das ist schon einzigartig: den Bürgerinnen und Bürgern einer Stadt einen Fluß wiedergeben zu können, nachdem sie 46 Jahre dort nicht baden konnten. Für uns steht das exemplarisch als Beispiel für die Wandlungskompetenz der Stadt und der gesamten Region – getreu unseres Mottos „von grau zu grün“. Außerdem war  Baden in der Ruhr nur durch eine echte „Mannschaftleistung“ möglich. Erst das Zusammenspiel von Grüner Hauptstadt, Ruhrverband und vielen ehrenamtlichen Unterstützern ermöglichte  dieses Projekt. 

Welche Projekte haben Ihrer Meinung nach besonders zur nachhaltigen Entwicklung in Essen beigetragen?

Was wir als erstes erreicht haben und für mich zwingend zum Bereich der Nachhaltigkeit gehört, ist eine Bewegung in den Köpfen vieler Bürgerinnen und Bürger. Uns war wichtig, ein  Umdenken anzuregen, für grüne Themen zu sensibilisieren, aber auch für die eigene Stadt.

Fragen Sie mich nach einzelnen Projekten, so möchte ich gerne kurz anhand unserer Themenschwerpunkte – Mein Grün, Meine Flüsse, Meine Wege, Mein Einkauf und Meine Zukunft – nachhaltige Ergebnisse skizzieren.

Zu den erklärten Zielen unseres Themenschwerpunktes Mein Grün gehörte die Unterstützung der Biodiversität, die CO2-Reduktion sowie 500 Meter zum Grünen Hauptroutennetz bis 2020. Hier haben wir unter anderem neun weitere Gemeinschaftsgärten ermöglicht, 1.000 Bäume, 100.000 Blumenzwiebeln und 50.000 Stauden gepflanzt und mit dem Baldeneysteig einen Wandersteig in Essen angelegt, der vom Zuspruch her alle Erwartungen mehr als erfüllt.

Eine allgemeine Sensibilisierung für die Bedeutung von Wasser in Essen – einer Stadt, die bekanntlich an zwei Flüssen liegt – gehörte zu den vorrangigen Zielen unseres Themenschwerpunktes Meine Flüsse. Dieser Themenschwerpunkt ist geprägt von wirklich wegweisenden Projekten. Baden in der Ruhr habe ich ja bereits erwähnt. Mit der MS innogy konnten wir, in Kooperation mit einem unserer Hauptsponsoren, das europaweit erste emissionsfreie Fahrgastschiff auf den Baldeneysee bringen. Denn die MS innogy fährt mit Methanol und wird von einer Brennstoffzelle angetrieben. Gerade dieses innovative Beispiel verdeutlicht noch einmal, dass Essen als Grüne Hauptstadt Europas ein Laborraum war, von dem Impulse weit über die Stadtgrenzen hinausgingen.

Der Themenschwerpunkt Meine Wege war für die GHE besonders wichtig. Hier konnten wir bekanntlich bei der Bewerbung nicht überdurchschnittlich punkten und legten deshalb besonderes Augenmerk darauf. Und das mit einer Vielzahl an Aktionen: von der Einrichtung zweier neuer Mobilstationen über die ganzjährige Kooperation mit Nissan im Bereich der Elektromobilität oder der Ausrichtung einer kompletten Themenwoche (Europäische Mobilitätswoche) mit mehr als 40 Veranstaltungen bis hin zu diversen Fahrradprojekten.

Zu den Zielen des Themenschwerpunktes Mein Einkauf  zählten wir vor allem die Sensibilisierung der Bürgerinnen und Bürger für lokale und regionale Produkte. Die Ziele waren: CO2-Reduktion sowie eine Verbesserung des Recyclings. Neben Aktionstagen und  zahlreichen Diskussionsrunden erreichten wir, dass ein großer Logistikdienstleister nun in vielen Stadtbezirken Essens seine Pakete emissionsfrei mit E-Scootern ausliefert.

Meine Zukunft setzte sich als Ziele, Essen als innovativen Umweltstandort attraktiver zu machen und Green Jobs zu fördern (20.000 bis 2025). Jeder 5. Arbeitsplatz in der Metropole Ruhr ist in der Umweltwirtschaft und Essen nimmt im Ranking der Städte einen vorderen Platz ein. Hier setzen wir vor allem bei denen an, die zukünftig in diesen Umweltjobs tätig sein sollen und förderten die Umweltbildung. Als Beispiele können wir die Schule Natur als regionales Zentrum für "Bildung für nachhaltige Entwicklung“ anführen, die im Jahr 2017 in ca. 1.500 Veranstaltungen 45.000 Kinder mit Umweltthemen vertraut machte. Mit unserem Hauptsponsor ista verwirklichten wir „ista macht Schule“. Dies ist ein Projekt, das an Schulen junge Menschen für den effizienten Umgang mit Energie sensibilisieren soll.

Welchen Ratschlag und Tipp geben Sie Ihren Kolleginnen und Kollegen in Njimegen mit auf den Weg?

Nach mehreren Besuchen in Nijmegen kann ich sagen, dass die dortigen Projektverantwortlichen augenscheinlich auf dem richtigen Weg sind. Wie auch in Essen spielt zum Beispiel das Thema Partizipation der Bürgerinnen und Bürger eine wichtige Rolle. Genauso wie bei uns, funktioniert diese Teilnahme auch in Nijmegen: ich konnte mich persönlich davon überzeugen als ich dort als Rednerin zu einer Diskussionsveranstaltung mit mehreren hundert Zuschauern eingeladen war. Es herrschte eine sehr sympathische und betriebsame Atmosphäre, die Bürgerinnen und Bürger brachten sich mit eigenen Vorschlägen in die Runde ein und damit hoffentlich auch die Stadt voran. Darüber hinaus muss und wird Nijmegen natürlich seinen eigenen Weg finden. Schließlich ist die Stadt mit 170.000 Einwohnern wesentlich kleiner als Essen, was zwangsläufig zu anderen Schwerpunkten führt.

Ausblick

Sind schon alle Projekte abgeschlossen oder werden in diesem Jahr noch einige weitergeführt?

Eines ist ganz sicher: Wir sind längst noch nicht fertig, sondern es geht darum, den Weg weiter zu beschreiten. Auf diesem Weg haben wir allerdings schon viel zurückgelegt, als ehemals größte Montanstadt hin zur Auszeichnung als „Grüne Hauptstadt Europas“. Daraus ergeben sich die Verpflichtung und auch der Anspruch, sich nachhaltig und dauerhaft den Themen der Grünen Hauptstadt Europas zu widmen.
Deshalb haben wir unter anderem beschlossen, eine bleibende Struktur innerhalb der Stadtverwaltung zu schaffen und sie damit zum integralen Bestandteil des Leitbildes der „lebenswerten Stadt“, das der Bewerbung zur Grünen Hauptstadt Europas zu Grunde lag, werden zu lassen. Es wird also zukünftig eine „Grüne Hauptstadt Agentur“ mit mehreren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geben. Wir werten derzeit zusätzlich gemeinsam mit dem Wuppertal Institut die Projekte des vergangenen Jahres aus und werden anschließend entscheiden, welche konkreten Projekte wir ab 2018 weiterführen. Mir persönlich liegen nach wie vor unsere Bürgerprojekte sehr am Herzen und ich werde mich für eine Fortsetzung dieser speziellen Form der Umwelt-Beteiligung einsetzen.

Was können andere Regionen in NRW von der GHE Essen lernen und welche Handlungsfelder sind insbesondere übertragbar?

Ich denke, es ist uns gelungen, ein neues Bild von der Region, von unserer Heimatstadt Essen, zu präsentieren. Übrigens nicht nur den Essenerinnen und Essenern selbst. Es ist uns zudem gelungen, dieses Bild einer Stadt im Wandel in die Welt zu tragen. Das Interesse an Essen, an der Grünen Hauptstadt, ist ungebrochen groß. So besuchten Delegationen aus rund 40 Ländern die GHE, beispielsweise aus den USA, Peru, Australien, Namibia oder China. Die Stadt Essen hat durch den Titel enorm an Ansehen gewonnen und wird anders wahrgenommen. Im Rahmen der COP 23 traten wir als Gründerstadt der Urban Transition Alliance bei. Als Mitglied der Alliance beginnt die Stadt Essen gemeinsam mit Fachkollegen aus dem Ruhrgebiet, den USA und aus China einen intensiven Austausch zur nachhaltigen Transformation von Städten mit industriellem Erbe. Wir sind jetzt in der „Champions League“ angekommen – auch was die Akquise von Fördergeldern angeht. Dieser Reputationsgewinn verschafft uns eine verbesserte Möglichkeit, zusätzliche Fördergelder zu bekommen.

Wie würden Sie den Beitrag Essens als Grüne Hauptstadt Europas zur Nachhaltigkeitsstrategie des Landes NRW beschreiben?

Die Stadt Essen als Grüne Hauptstadt Europas unterstützte innerhalb des Titeljahres die Ziele der Nachhaltigkeitsstrategie des Landes NRW in besonderer Weise. So wurden vielfältige Projekte realisiert, die zentrale Themen des Plans wie Klimaschutz, Umweltwirtschaft, Biodiversität oder nachhaltige Stadt- und Quartiersentwicklung/Nahmobilität fördern. Auf diese Weise konnte die Grüne Hauptstadt als eine Art Katalysator wirken und die Bedeutung breit in die Öffentlichkeit tragen – regional, national und international.

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