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Dr. Eckart von Hirschhausen: Wir brauchen eine andere Art der Kommunikation!

Mit seiner humoristischen Kurzintervention hat Dr. Eckart von Hirschhausen bei der 7. NRW-Nachhaltigkeitstagung am 3. Juli 2019 in Bonn für Gesprächsstoff gesorgt. Über Klimaschutz und Nachhaltigkeit werde immer noch zu abstrakt gesprochen, beklagte er unter anderem. Im Interview erläutert der Mediziner und Kabarettist, wie Humor dabei helfen kann, die richtigen Bilder zur Klimakrise zu erzeugen und welche Maßnahmen er sich konkret – auch vom Land NRW – wünscht.

Dr. Eckart von Hirschhausen (Bild: Frank Eitel)
Dr. Eckart von Hirschhausen (Bild: Frank Eitel)

 

Herr Dr. von Hirschhausen, in den vergangenen Monaten sind Sie bei einigen Nachhaltigkeits-Veranstaltungen, u.a. bei der 7. NRW-Nachhaltigkeitstagung aber auch beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dortmund aufgetreten. Sie beklagen, dass wir auch nach Jahren oder Jahrzehnten immer noch auf einer zu abstrakten Ebene über Klimaschutz und Nachhaltigkeit sprechen. Warum schaffen wir es nicht, in den richtigen Bildern zu sprechen? Kann uns Humor dabei helfen?

Auf alle Fälle! Seit ich mich mit dem Thema Klimakrise und Gesundheit beschäftige, wird mir klar, dass wir eine andere Art der Kommunikation brauchen, um die Mitte der Gesellschaft zu erreichen und für diese Mammutaufgabe zu begeistern. Das geht bei den Begriffen los: Wir müssen nicht „das Klima“ oder „die Erde“ retten – sondern uns! Die Erde kann gut ohne uns. Wir aber nicht ohne die Erde. Gesunde Menschen gibt es nur auf einem gesunden Planeten. So einfach. Es gibt keine „Umwelt“, sondern eine Mitwelt. Oder haben Sie Zuhause Um-Bewohner? Unsere Mutter Erde ist krank, sie hat hohes Fieber, und das steigt weiter. Wir sind als ihre Kinder existentiell darauf angewiesen, dass wir sauberes Wasser haben, saubere Luft, gesundes Essen und eine erträgliche Außentemperatur. Alle diese Dinge, die wir für selbstverständlich hielten, sind es nicht und wir müssen uns jetzt mit diesen Themen auseinandersetzen – am besten mit Humor. Wenn es zum Beispiel um mehr öffentlichen Verkehr, mehr schnelle Züge, weniger Flüge und weniger Raser auf der Autobahn geht empfehle ich: „Wer gerne schnell Porsche fährt, Vollgas, freie Strecke und das auch noch emissionsfrei in der Elektro-Variante: Wie wäre es mit einer Carrera-Bahn?“

Sie unterstützen die Fridays for Future Bewegung und gehören zu den Erstunterzeichnern der Scientists for Future. Welche Aktionen oder Maßnahmen begleiten Sie dabei konkret?

Mein wichtigstes Anliegen ist, die Gesundheitsberufe zu aktivieren. Am 20. September habe ich beim globalen Klimastreik vor dem Brandenburger Tor zu 270.000 Menschen sprechen dürfen, warum die Klimakrise ein medizinischer Notfall ist. Als Arzt habe ich gelernt, dass der Mensch maximal 41 Grad Körpertemperatur aushalten kann. Wir hatten dieses Jahr bereits 42 Grad in Deutschland. Es starben Tausende Menschen durch die Hitzewellen, wir bekommen Malaria, West-Nil-Fieber und andere Tropenkrankheiten zurück, und der ganze Wahnsinn der fossilen Brennstoffe von Braunkohle bis Diesel kostet enorm viele Lebensjahre durch den Dreck, den wir einatmen. Die eigene Gesundheit ist den Menschen viel näher als der Eisbär. Und Ärzten und Pflegekräften wird mehr geglaubt als Politikern. Deshalb spielt „healthforfuture“ eine zentrale Rolle, um viele Menschen aufzuwecken. Und deshalb bin ich stolz, dass wir zusammen mit der Allianz Klimawandel und Gesundheit vor der Charité demonstriert haben, ich für das Auswärtige Amt über „One Health“ sprechen durfte, auf dem World Health Summit eine Pressekonferenz viele erreicht hat und dass die Ärzteverbände vom Weltärztebund, dem Lancet Climate Count Down bis zum Deutschen Ärztetag jetzt Klimakrise und Gesundheit voran bringen. Höchste Zeit, denn uns bleiben nur wenige Jahre, die Erde für Menschen bewohnbar zu halten. Und die Idee von „Planetary Health“ ist dabei zentral. Wenn wir mehr Pflanzen als Tiere essen und mehr Radfahren als gestresst im Stau zu stehen, tut das dem Planeten und vor allem unserer eigenen Gesundheit gut – warum war der Gesundheitsminister eigentlich nicht Teil des Klimakabinetts?

Die „For Future“-Forderungen klingen sehr radikal. Dagegen betont die politische Seite oft, dass bei allen Maßnahmen auf die Machbarkeit geachtet werden müsse. Wie können diese beiden Positionen miteinander vereinbar gemacht werden?

Mein Freund Harald Lesch, der tolle Filme und Vorträge zu dem Thema macht und sich nicht scheut, auch die AfD Positionen wissenschaftlich zu prüfen und in die Tonne zu treten, sagt: „Naturgesetze sind nicht verhandelbar!“ Das ist der Punkt. Der müsste einer Physikerin an der Spitze der Regierung auch klar sein. Es ist verantwortungslos, wie gerade eine historische Chance im Klein-Klein vertan wird. Und ich kann nur jeden Politiker ermutigen, mutiger zu sein und auf die Wissenschaft zu hören. Menschen gewöhnen sich sehr schnell an neue Spielregeln für alle. Als das Rauchen in Kneipen verboten wurde, gab es wahnsinnigen Protest – nach ein paar Wochen war aber klar: das ist eine gute Sache. Wir haben das erste Waldsterben verhindert, nicht indem wir an jeden Einzelnen appelliert haben, sondern durch visionäre Ordnungspolitik. Die braucht es auch jetzt. Wir können noch so viel Kraft auf die Vermeidung von Plastiktüten legen, wenn die Flüge weiterhin in Deutschland billiger sind als Bahnfahrten und Straßen wichtiger sind als Radwege, bekommen wir keine relevante Verhaltensänderung. Wenn wir unsere krankmachenden Konsummuster unterbrechen, geht es nicht um Mangel oder Verzicht, sondern um das einzig sinnvolle und langfristige, um einen Zugewinn an Lebensqualität. Die Idee einer „Planetary Health Diet“ verbindet das, was dem Körper guttut, mit dem, was dem Planeten guttut. Und das ist vor allem weniger Fleisch, weniger Zucker und Milchprodukte, mehr Nüsse, Hülsenfrüchte und buntes Gemüse. Wir müssen viel mehr betonen, welche Vorteile wir selber haben, wenn wir für den Klimaschutz handeln.

Herr Dr. von Hirschhausen, Sie sind viel in Nordrhein-Westfalen unterwegs. Als bevölkerungsreichstes und industriegeprägtes Bundesland müssen wir einen bedeutenden Beitrag zu den Pariser Klimazielen und zur Agenda 2030 leisten. Welche Maßnahmen erwarten Sie sich dafür von der Landesregierung?

Eine Schnellstrecke von Bonn nach Berlin. Es ist doch peinlich, dass ausgerechnet die Mitarbeiter von Umwelt- und Gesundheitsministerium ständig fliegen, weil es mit der Bahn über fünf Stunden dauert. 100 Prozent erneuerbare Stromerzeugung. Die Technik ist da, es ist billiger. Wenn wir das nicht zeitnah umsetzen, ist das eine Beleidigung der Intelligenz unserer Ingenieure. Statt über 20.000 Arbeitsplätze in der Kohle sollten wir den Verlust von 80.000 Arbeitsplätzen in der Solartechnik beklagen. Und gerade wird auch noch die Windenergie gegen die Wand gefahren. Agrarsubventionen gehen immer noch mit Milliarden in zerstörerische Monokultur und Massentierhaltung. Wir tun in der Politik nicht nur nicht das Richtige – wir machen weiter mit absolutem Unsinn, weil einige Lobbygruppen nicht verstanden haben, dass auch sie Kinder haben, die uns alle fragen werden: Was war euch 2019 wichtiger als eine bewohnbare Erde und unsere Zukunft?

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